Manchmal muss man ein paar Nächte drüber schlafen.

Ich hatte den Artikel schon fast fertig, aber er wurde von dem vorherrschenden Gefühl geprägt das ich noch bis vor kurzem hatte. Ich hab‘ also einfach alles mal eine Woche liegen lassen, mir nochmal durchgelesen und dann neu geschrieben. Inhaltlich hat sich kaum was verändert, aber ich hab‘ ein wenig an der Art und Weise wie ich die Dinge beschrieben habe gefeilt. Also erstmal eine kleine Einleitung zum Thema:

Vor etwas längerer Zeit hab‘ ich Linus Torvald’s Biografie „just for fun“ gelesen. Es gefiel mir so mehr von einer Person zu erfahren, mit deren Arbeit ich täglich zu tun hatte. Das Bild von einer Person entsteht und entwickelt sich mit den Informationen die man über diese Person sammelt. Ich glaube, im Fall von Linus konnte ich mir erst mit der Biografie ein erstes Bild von ihm machen.

Vielleicht ist es ein neues Interessengebiet das ich für mich entdecke. Vielleicht kommt sowas mit dem Alter, ich hab‘ keine Ahnung, aber „just for fun“ war eine gute Erfahrung und ich dachte: „Hey Steve ist jetzt leider Tod, aber es gibt da seine Biografie.“

Ich mag Apple Produkte und es wäre interessant mehr über diesen Menschen zu erfahren. Ich erinner mich noch gut daran wie Apple fast pleite war und auch an den Deal den Steve mit Bill gemacht hat um Apple zu retten. Aber ich hab‘ mir nie die Mühe gemacht mir all die Details dazu anzueignen. Auch die Rivalität zwischen Bill und Steve hat mich immer schon interessiert, aber wirklich dahinter geklemmt und Informationen eingeholt hab‘ ich nie. Mir ist klar das die meisten Biografien, vor allem wenn die Menschen von denen sie handeln, Einfluss auf das Werk haben und auch oft dazu benutzt werden, um diese Personen gut darstehen zu lassen. In diesem Fall war mir das recht, ich hatte ein sehr wages, aber positives Bild von Steve Jobs und war gewillt dies zu erweitern.

Und dann hab‘ ich angefangen zu lesen. Nun hab‘ ich mir so einen Nerd vorgestellt, als über seine mangelhafter Körperhygiene schon in der Jugendzeit geschrieben wurde, dachte ich mir: „Ok, typisch Nerd.“ Interessant war wie er mit Woz die Bluebox gebaut hat und man gesehn hat wie Woz das Technische begeistert hat und wie Jobs den Teil mit dem Vertrieb übernommen hat. Woz wollte damals die Pläne frei zur Verfügung stellen und Jobs war derjenige der sagte: „Nein laß uns ein fertiges Produkt machen und es verkaufen.“ Beide waren damals in einem Umfeld unterwegs in dem es eigentlich üblich war seine Entwicklungen weiter zu geben, mit dem Umfeld zu teilen. Bemerkenswert ist auch das Jobs scheinbar gar kein Problem damit hatte ein Produkt zu verkaufen mit dem man einer anderen Firma finanziell schadet, damals gab es zwar keine Gesetze gegen abnormale Nutzung des Telefonnetzes, aber es war wohl klar das wenn man sich umsonst Ferngespräche ermöglicht, man der Telefongesellschaft schadet. Von dem Geld das die Blueboxen gebracht haben, hat sich Jobs ein gutes HiFi Tonbandgerät gekauft und fing an Bob Dylan Mitschnitte zu sammeln, wobei er sich die Mitschnitte besorgte und nicht zwingend kaufte. Er soll wohl damals eine der umfangreichsten Bob Dylan Sammlungen, wohl meist Raubkopien, gehabt haben. Das waren die mir sympathischen Züge. Der Rest von seiner Beschreibung hat mich wirklich erstaut, ich wusste ja nicht viel, aber das er so krass drauf war hätte ich nicht gedacht.

Das ganze Buch über wird Steve Jobs als Mensch beschrieben, der sehr sensibel war aber selbst ständig Menschen fertig gemacht hat. Er hat nur schwarz oder weiß gesehn, daß heißt entweder war etwas perfekt oder absolut scheiße. Und das hat er den Leuten auch immer direkt gesagt und da war es ihm auch egal wenn er es in aller Öffentlichkeit tat. Das ging wohl soweit, das regelmäßig von ihm beschimpfte Menschen anfingen zu weinen und getröstet werden mussten. Oft mussten Bekannte auf Steve einreden damit dieser sich mal entschuldigt. Und dann war da noch diese Sache wie er mit dem (geistigen) Eigentum anderer umging. Ich bring es mal auf den Punkt.

Er hat Ideen von Freunden und Arbeitskollegen geklaut ohne ein Bewusstsein dafür zu haben das dies unrecht ist. Jobs selbst hat wohl öfter Pablo Picasso zitiert: „Grosse Künstler kopieren, grossartige Künstler stehlen“. Machmal fügte er dem hinzu: „wir haben immer schamlos geklaut.“  Er hatte nie Probleme sich bei den Ideen von anderen zu bedienen, aber wenn Firmen sich bei Apple bedient haben, hatte er dafür kein Verständnis. Als Microsoft die erste Windows Version rausbrachte, ist er völlig ausgerastet, wird im Buch beschrieben. Er warf Bill Diebstahl vor und hat sich ja auch jahrelang gerichtlich mit Microsoft gestritten. Dabei hatten damals beide Firmen, sowohl Apple Computer als auch Microsoft, vollen Zugriff auf die Xerox PARC, von wo Appel schließlich die Idee der grafischen Benutzeroberfläche her hatte.

Die ersten Male als ich gelesen hab‘ wie fies sich Jobs verhalten habe, dachte ich: „Ok, das Buch scheint da ja wenigstens ehrlich zu sein, wurde ja im Vorwort auch angekündigt.“ Aber jetzt nachdem ich es fertig gelesen habe, bin ich fast der Meinung das er wahrscheinlich noch schlimmer war als im Buch beschrieben. Ein paar Mal hab‘ ich mich beim Lesen dabei ertappt zu denken: „Man ist das ein Arschloch.“ Würde ich einen solchen Menschen persönlich kennen, ich würde vermutlich sehr schnell jeden Kontakt zu ihm abbrechen.

Im Buch gibt es eine Stelle, da fasst der Autor die Meinung der Menschen die mit Jobs gearbeitet haben wie folgt sinngemäß zusammen: „Erst kommen immer eine menge Beschwerden über Jobs und sein Verhalten und seine Persönlichkeit, aber fast immer endet es mit etwas wie – aber dadurch hab‘ ich Dinge geschafft, von denen ich nie geglaubt habe das ich dazu fähig wäre.“ Ist das nun was positives? Ist das Erfolgserlebnis am Ende die Demütigung wert? Könnte ich so Arbeiten und würde ich es wollen? Das sind alles Fragen auf die ich noch keine abschliessende Antwort gefunden habe.

Ich sehe auch die Apple Produkte in einem anderen Licht. Ich bewundere wie einfach, intuitiv manches zu benutzen ist, aber ich sträube mich auch gegen den Gedanken mir ein Produkt zu kaufen, bei dem ich nur das Nutzungsrecht habe, bei dem mir Apple sagt was ich wie damit machen darf und kann. Und ich sehe mit Furcht in die Zukunft, Apple hat mit ihrem geschlossenem System und dem Erfolg den sie damit haben eine Richtung vorgegeben. Andere Firmen folgen nach und nach. Klar, noch kann ich die Geräte alle Jailbreak’en und dann bin ich Herr auf meinem Gerät, aber betrachten wir das mal genau. Wenn die Firmen es wirklich wollen, dann sperren sie einfach den Zugang zu ihren Services für „befreite“ Geräte. Und machen wir uns nichst vor, dass wird schon mehr oder weniger erfolgreich gemacht.

Ich muss bei der Situation heute immer an diesen Legendären Apple 1984 Werbespot denken. Nur das Apple diesmal nicht die Freiheit bringt sondern das Gegenteil „closed systems.“

Aber nochmal zurück zu Steve. Ich wusste nicht das er über sechs Monate, nachdem sein Krebs entdeckt wurde, die behandlung verweigerte. Er hat versucht das mit Diaten und Kräutern zu behandeln. Damals wäre der Krebs operabel gewesen und er hätte vermutlich auch nicht gestreut. Das sind alles Mutmaßungen, aber wie muss man drauf sein um einer Operation, die ein minimales Risiko birgt, nicht zuzustimmen. Vor allem wenn es gleichzeitig ein hohes Risiko der Verschlimmerung bei Nicht-Behandlung gibt. Was muss da einem im Kopf vorgehen wenn man sich sagt, ach probier ich’s mal mit Tee und Diät? Viele Entscheidungen in dieser Richtung sind für mich nicht nachvollziehbar, viele würde ich als dumm bewerten. Was bleibt ist dieses Gefühl das Steve selbst mit daran Schuld ist das er so früh gestorben ist.

Ich denke so ganz hab‘ ich das alles auch noch nicht verarbeitet. Ich werd‘ da wohl noch ein paar mal mit anderen Menschen drüber sprechen müssen. Es war ein ganz anderes Erlebnis, durchweg weniger angenehm diese Sachen über Steve zu erfahren. Vielleicht liegt es daran das ich erwartet habe mehr positives zu erfahren und es nicht tat.

Wen die Fakten interessieren, dem würde ich das Buch empfehlen, vielleicht würde ich es sogar Leuten empfehlen die ihn anhimmeln, ich glaube so stark kann die kognitive Dissonanz gar nicht sein, dass sie das gar nicht mitbekommen.

Ich habe jetzt begonnen „Lachs im Zweifel“ zu lesen und ich merke schon wie meine Stimmung wieder steigt.

 Nachtrag:

Ein interesantes Detail das in der Biografie feht.

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